Humboldt-Universität zu Berlin - Faculty of Language, Literature and Humanities - Alexander von Humboldt Professorship

Project description

Der Ort im Inneren.
Philosophie-, theologie- und ideengeschichtliche Untersuchung zu einem Metaphernkomplex

 

Was haben bildhafte Begriffe wie Marc Aurels und Theresa von Avilas ‚innere Burg‘, die ‚Höhlen des Gedächtnisses‘ und der „innere Mensch (homo interior)“ des Augustinus, die ‚Herzmystik‘ der früheren griechischen Kirchenväter und das ‚Herzensgebet‘ der Wüstenväter der Philokalia, Petrus Abelards ‚Wurzel der Intention‘ und Meister Eckharts „Seelengrund“ gemeinsam? Geht es um nur scheinbar verwandte, in der Tat aber voneinander unabhängige Redewendungen, oder haben wir mit einem kohärenten, in unterschiedlichen (philosophischen und theologischen) Diskursformen auftauchenden Metaphern- und Begriffskomplex zu tun, der eine grundsätzliche Intuition voraussetzt und zum Ausdruck bringt und sich über mehrere Jahrhunderte in verschiedenen intellektuellen und kulturellen Kontexten entwickelt? Und, wenn es tatsächlich um einen solchen Komplex geht, der die Grenzen zwischen griechisch-römischer paganer Kultur und christlichem Glauben sowie auch zwischen Philosophie und Theologie überschreitet, inwiefern kann dessen ideengeschichtliche Rekonstruktion dabei helfen, 1) neues Licht auf das Verhältnis zwischen philosophischem und christlichem Diskurs über Gott, den Menschen und die Welt zu werfen, und 2) besser nachzuvollziehen, welche Umdenkungsprozesse dieses Verhältnis von der frühneuchristlichen Zeit über das Mittelalter bis in die Moderne durchgegangen ist?
Solchen Fragen soll das vorliegende Buchprojekt nachgehen. Denn es ist beachtenswert und bestimmt nicht zufällig, dass schon in den frühesten Phasen der Begegnung zwischen paganer philosophia und Christentum und im Rahmen des breiten intellektuellen Kontextes, innerhalb dessen diese Begegnung stattfand, sich eine Vorstellung vom Innersten bzw. vom höchsten Vermögen der Seele bemerkbar macht, die keine genaue Entsprechung in den philosophischen Schulen der klassischen sowie auch der hellenistischen Zeit findet. Diese Vorstellung lässt sich auf folgende Weise grob schildern: Es gebe ein Vermögen bzw. einen verborgenen, schwer zu fassenden und vom Äußeren her unzugänglichen ‚Ort‘, den die Seele in sich selbst entdecken bzw. schaffen kann und zu dem die Seele selbst aufgerufen ist, heimzukehren, um Zuflucht vom Weltlichen und dessen Stürmen zu finden. An diesem innerseelischen Ort gehe die Seele über sich selbst hinaus, indem sie dort in unmittelbare Berührung mit dem Göttlichen komme und sich selbst als denkende Instanz als gottesgleich bzw. gottesähnlich oder mit dem Gott-Nous oder dem Gott-Logos verwandt wiedererkennt, oder vielleicht noch genauer gesagt gottesgleich bzw. -ähnlich wird.