Zielgerichtet interpretieren – ein Planungsmodell für den altsprachlichen Unterricht
Im altsprachlichen Lektüreunterricht steht traditionell das Lernen durch Literatur im Vordergrund, bei dem z.B. auf dem Weg der historischen Kommunikation oder des existenziellen Transfers die Förderung historisch-kultureller Kompetenzen und die persönliche Entwicklung der Lernenden im Vordergrund stehen soll.
Deutlich weniger profiliert ist das Lernen über Literatur, bei dem der Text als literarisches Dokument im Mittelpunkt steht und der Lernende durch die Lektüre lateinischer oder griechischer Originaltexte auch für seinen eigenen, d.h. freudvollen, kreativen und bewussten Umgang mit Literatur insgesamt profitiert. Dieser Mangel ist nicht verwunderlich, da im Bereich des altsprachlichen Unterrichts bisher ein kriteriengeleitetes, literaturwissenschaftlich begründetes und methodisch beschriebenes Planungsmodell fehlt, auf dessen Grundlage der Unterricht eine bessere Fundierung erhält, so dass Texte unabhängig vom subjektiven Empfinden interpretiert werden können. Hierfür hat das Team der altsprachlichen Fachdidaktik in Zusammenarbeit mit Prof. Markus Schauer (Bamberg) ein mehrstufiges Modell entwickelt, das Lehrkräften ermöglichen soll, zielgerichtetes Interpretieren zu planen.
Nach der Lektüre der unterrichtlichen Vorgaben (Rahmenlehrplan, schulinternes Curriculum) und des fremdsprachlichen Textes, der im Unterricht behandelt werden soll, wird zunächst eine Leitfrage für die Textarbeit festgelegt. Dann erfolgt die Klärung der Frage, in welcher Form der Inhalt des Textes mit den Schülerinnen und Schülern erschlossen werden soll: in Form der Übersetzung eines Originaltextes, als Paraphrase, als Lektüre eines zweisprachigen Textes oder einer deutschen Übersetzung. In der folgenden Stufe wird der Text (je nach Schwerpunktsetzung der Fragestellung und der Form der Texterschließung) unter literaturwissenschaftlichen, textgrammatischen oder sachkundlichen Gesichtspunkten analysiert. Die Analyse bezieht sich dabei nur auf werkimmanente und im Text konkret nachweisbare Aspekte. Erst dann erfolgt die eigentliche Interpretation. Sie dient der Bedeutungszuweisung, geht über den Text hinaus und erfolgt stets auf der Grundlage der zuvor erfolgten Analyse. Die Interpretation hat Hypothesencharakter und muss aufgrund der Analyse plausibel begründbar sein. So sollen offenere Interpretationszugänge ermöglicht werden, um auf eine schematische Richtig-Falsch-Bewertung zu verzichten.
Hierbei werden drei Bereiche adressiert, die je nach Schwerpunktsetzung unterschiedlich intensiv bearbeitet werden:
- der Autor (z.B. mögliche Wirkungsabsicht des Autors, Rolle der Biographie des Autors)
- der Text (z.B. mögliche literatur-, gattungs- kulturgeschichtliche Bedeutung)
- die Rezipierenden (mögliche Wirkung bei zeitgenössischen, historischen oder aktuellen Rezipierenden).
Im letzten Schritt werden die Ergebnisse der Interpretation an die Fragestellung rückgebunden, wobei ungeklärt gebliebene Fragestellungen und Probleme zu Tage treten. Hier wird auch deutlich, ob die Analyse des Textes modifiziert werden muss. Darauf aufbauend kann die Planung und der auf ihr basierende Unterricht verbessert durchlaufen werden. Im Planungsprozess ist es sinnvoll, die Ergebnisse der Planungsstufen kritisch miteinander abzugleichen, um innere Widersprüche zu vermeiden und ein konsistentes Unterrichtsgeschehen sicherzustellen.
Dieses Planungsmodell soll im Rahmen eines Studienbuches sorgfältig begründet, beschrieben und mit Fallbeispielen aus zentralen Autoren des Latein- und Griechischunterrichts zur Anwendung aufbereitet werden. Die Fertigstellung ist für den Sommer 2027 geplant.