Aphorismus des Monats März 2026
I.15
Αἱ κοιλίαι χειμῶνος καὶ ἦρος θερμόταται φύσει καὶ ὕπνοι μακρότατοι. ἐν ταύτῃσιν οὖν τῇσιν ὥρῃσιν καὶ τὰ προσάρματα πλείω δοτέον. καὶ γὰρ τὸ ἔμφυτον θερμὸν πλεῖον ἔχουσι, τροφῆς οὖν πλείονος δέονται. σημεῖον αἱ ἡλικίαι καὶ ἀθληταί.
Die Bauchhöhle ist im Winter und Frühling von Natur aus am wärmsten und Schlaf am längsten. Entsprechend sollte in diesen Jahreszeiten auch mehr Nahrung gegeben werden. Denn es ist dann mehr angeborene Hitze vorhanden, was zu einem erhöhten Nahrungsbedarf führt. Dies zeigt sich an den Lebensaltern und Athleten.
Dieser Aphorismus hat Parallelen zu der bis heute in Lifestyle-Magazinen alljährlich beschriebenen Beobachtung, dass wir in der dunklen Jahreszeit länger schlafen und mehr essen als in den Zeiten, in denen die Tage länger sind. Galen führt für das bei Hippokrates angesprochene größere Schlafbedürfnis die gleiche Erklärung an, wie wir sie auch in aktuellen Beiträgen zu diesem Thema finden: Es liegt an den langen dunklen Nächten.
Unseren größeren Appetit in den kühleren Jahreszeiten erklärt Hippokrates aber mit einem Konzept der antiken Medizin, das in modernen Illustrierten weniger verbreitet sein dürfte: Dabei handelt sich um die den Lebewesen angeborene Hitze, die bei kalten Temperaturen mehr Nahrung für den Körper fordert als bei Wärme. Galen erläutert diese Sichtweise mit Verweis auf Aristoteles, demzufolge die angeborene Hitze sich aufgrund der Umgebungskälte von außen zurückzieht, so wie im Sommer das Gegenteil der Fall ist. Der Verweis des Hippokrates auf “Lebensalter” (ἡλικίαι) ist hier im Kontext von “Jugend” zu lesen. Galen erklärt diese Textstelle damit, dass Heranwachsende (παῖδες) aufgrund ihrer körperlichen Entwicklung und Sportler wegen ihres Trainings eine größere angeborene Hitze aufweisen und folglich mehr Appetit haben.
In seinem ausführlichen Kommentar zu diesem Aphorismus erwähnt Galen auch einen Einwand hierzu: Da man im Winter weniger schwitzt, benötigt der Körper aber doch weniger Nahrung, nicht mehr. Galen entkräftet diese Sichtweise mit dem Verweis darauf, dass Lebewesen durchaus auch im Winter schwitzen und zwar durch Kanäle, die der Sinneswahrnehmung verborgen bleiben. Galen zufolge ist in dieser Diskussion allein die Funktion der angeborenen Hitze maßgeblich, die ein Lebewesen von klein auf formt und es wachsen und gedeihen lässt.